Dass die Ostwestfalen ihren eigenen Kopf haben, wurde Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble spätestens beim Singen der Nationalhymne klar. Als es beim CDU-Wahlkampftermin in Hüllhorst Probleme mit dem Playback gab und die Musik von vorne anfing, sangen die 500 Besucher in der Ilex-Halle einfach weiter.
Die Zielstrebigkeit und Gradlinigkeit der Ostwestfalen bewundert Wolfgang Schäuble nach eigenem Bekunden auch in seinem Ministerium: Der Mindener Bundestagsabgeordnete Steffen Kampeter ist sein Staatssekretär und damit einer seiner engsten Mitarbeiter. »Gerade in finanziell guten Zeiten braucht man als Finanzminister willensstarke und durchsetzungsfähige Kampfgefährten – so wie Steffen Kampeter«, sagte Schäuble am Montagabend.
Der so gelobte Staatssekretär hatte seinen Chef nach Hüllhorst eingeladen. In einer kleinen Vorrunde, zu der auch der CDU-Bundestagskandidat für den Kreis Herford, Dr. Tim Ostermann, gehörte, machte Kampeter allerdings auch deutlich, welchen Respekt er vor seinem Chef hat. Er nannte Schäuble eine »Herausforderung«. Sobald Schäuble merke, dass man Vorlagen nicht gelesen habe, sei man »unten durch«. »Er sucht sich dann andere Gesprächspartner. Mann muss schon kräftig was leisten. Ein einfacher Chef ist er nicht«, sagte Kampeter mit einem Lächeln. Er hoffe aber, den Ansprüchen zu genügen.
Kampeter selbst will aber auch kein einfacher Mitarbeiter sein. »Es gibt auch sachliche Diskussionen. Da eckt man schon mal an. Spätestens wenn der Satz kommt ›Herr Kampeter, das können Sie nicht verstehen. Sie sind kein Jurist‹, dann weiß ich, jetzt muss ich aufhören«, erzählt Kampeter aus dem Alltag im Ministerium.
Wer glaubte, der 71-jährige Wolfgang Schäuble sei nach 41 Jahren im Deutschen Bundestag amtsmüde, der wurde am Montagabend eines Besseren belehrt: »Politik macht mir einfach Spaß. Und so lange meine Gesundheit es zulässt und mich die Leute wählen, mache ich weiter«, sagte Schäuble, der in seiner langen Laufbahn schon viele hohe Partei- und Staatsämter inne hatte. Ob er weiter als Finanzminister arbeiten wolle, ließ er offen. »Ich bewerbe mich um ein Bundestagsmandat – mit allen Verpflichtungen. Der Wähler entscheidet. Meine Wünsche sind nicht wichtig.«
Dass die Bundestagswahl fünf Wochen vor dem Urnengang bereits entschieden ist, sieht Wolfgang Schäuble nicht. »Es steht 50 zu 50«, sagt er. Jede Stimme zähle. »Wir haben in den vergangenen drei Jahren viele Dinge richtig gemacht«, sagt er selbstbewusst.
Er nennt die Euro-Rettung, die jetzt erste Früchte trägt, die wirtschaftliche Stabilisierung und die Erfolge auf dem Arbeitsmarkt. Richtig energisch wird er bei der Frage nach der Wahlbeteiligung: »Wer nicht wählen geht, tritt die Demokratie mit Füßen. Andere riskieren derzeit ihr Leben, um endlich wählen zu dürfen.«