Wir werden 2015 damit beginnen, unsere riesigen Schuldenberge abzubauen«. Das hat Bundeskanzlerin Angela Merkel gestern in Minden vor knapp 4000 Menschen erklärt.
»We are familiy / Wir sind Familie«, heizt die Band dem Publikum ein. Erst will der Funke nicht überspringen. Doch als Merkel wegen der Syrienkrise mit leichter Verspätung eintrifft, gibt es kaum noch ein Halten.
Dr. Tim Ostermann (2 v.l.) und die Bundeskanzlerin Dr. Angela MerkelDie meisten sind gekommen, um Merkel zu sehen. Dabei spart sich die Kanzlerin an diesem Nachmittag den üblich lockeren Einstieg. Sie spricht über Giftgas, tote Kinder und das große Glück, in Europa in Freiheit und Frieden zu leben. »Nicht wie in Ägypten, wo die Kirchen brennen.«
Merkel macht sich und ihrem Publikum nichts vor. Natürlich gebe es deutlich weniger Arbeitslose, aber keinen Grund, die Hände in den Schoß zu legen. Auch fragt sie rhetorisch ins Publikum, wie Rente und Pflege bezahlt werden sollen, wenn die Jungen zu wenig einzahlen. Merkel kann das tun, denn es gibt kein Aufbegehren in der Gesellschaft und schon gar nicht auf dem engen Markt in Minden, höchstens die üblichen Zwischenrufer und Kritiker.
Ja, sagt sie, es gibt eine Euro-Krise. Aber für die gibt es nicht nur das gemeinsame Geld, sondern auch ein gegenseitiges Versprechen zum Frieden und zur Zusammenarbeit.
Merkel versucht erst gar nicht zu erklären, was in Wahlkampfreden nicht zu erklären ist: die Euro-Rettungsmaßnahmen EFSF, ESM, EFSM, Staatsanleihenkäufe oder Bankenunion. Sie sagt einfach, Europa ist gut. Und viele Menschen vertrauen ihr. Der Beifall bestätigt sie.
Merkel hat ihre Reden entschlackt. Technokratische Wortungetüme hat die Physikerin stillgelegt. Sie preist die Leistungen der Arbeitnehmer. Sie setzt sich mit dem SPD-Begriff »Mindestlöhne« auseinander und zählt auf, in welchen Branchen Helmut Kohl und sie, aber nicht Rot-Grün jemals die Tarifpartner auf Lohnuntergrenzen verpflichtet hätten.
Merkels Pfund ist das große Problem der SPD. Es gibt keine Wechselstimmung. »Es gibt eigentlich gar keine politische Auseinandersetzung«, sagt Miriam Meckel vom Institut für Medien- und Kommunikationsmanagement an der Universität St. Gallen. 75 Prozent der Deutschen seien mit ihrer wirtschaftlichen Situation zufrieden. Nicht einmal aus der NSA-Geheimdienstaffäre habe die SPD Kapital schlagen können. Deren Negativ-Plakat-Kampagnen gegen Merkel seien deshalb vor allem für die SPD selbst gefährlich.
»Angela Merkel zeigt mit ihrem Besuch in Minden, dass die Region bei der CDU hohen Stellenwert genießt«, sagt Steffen Kampeter, OWL-Bezirksvorsitzender der CDU, im Vorprogramm. Zuvor hat er den Treuesten der Treuen vorgestellt: Hermann Kokemoor. Am 7. Oktober wird er 100 Jahre alt und gehört der CDU als letztes noch lebendes Gründungsmitglied an. Der Applaus ist groß. Man ist unter sich.
Die Kanzlerin zeigt Marathonqualitäten. 17.15 Uhr Minden, 19 Uhr Fritzlar, Nordhessen. Sie hält die 25. und die 26. Wahkampfrede. Am Ende sollen es 56 sein. Beim Auftakt auf Borkum wurden 800 Gäste erwartet, später feierten 5000 Insulaner und Urlauber Seite an Seite, berichtet Axel Bäumer aus dem Adenauer-Haus. In Minden sind es nicht ganz so viele. Knapp 4000 sagt die Polizei, 5000 meint die Partei, genau wie 2009 auch.
Die Tretmühle beginnt mit dem Flug ab Berlin, je nach Entfernung im Regierungsjet oder mit dem Hubschrauber, dann Transfers, Vorfahrt, Begrüßung, im strammen Schritt, bis die ersten Hände geschüttelt werden. Nächste Station und am Abend Rückflug nach Berlin-Tegel, militärischer Teil. Wenn Bäumer Feierabend macht, fährt die Chefin noch ins Kanzleramt.