CDU Löhne: Der heiße Stuhl unterm Wandteppich
Löhne. Nach anderthalb Stunden ist Ibrahim Kus reif für die Therme. Er habe sich mit einem Freund in Bad Salzuflen verabredet, sagt der Sprecher der neuen Ulenburg-Stiftung, bevor er im Nieselregen vorm Rathaus ins Auto steigt. Eile hat er nicht. Betont gelassen und ausführlich hat der 41-Jährige zuvor auf alle, selbst kitzlige Fragen der CDU-Ratsfraktion zu Ehrenmorden, Zwangsheiraten, möglichen islamistischen Attentaten und der künftigen Rolle der Ulenburg geantwortet. Die Christdemokraten sind die erste und bisher einzige Partei, die den Dialog mit den neuen Eigentümern praktiziert.
Kus hat das Gesprächsangebot der Ratsopposition gern angenommen, das sagt er vor der Sitzung ("es wäre schade um jede Frage, mit der Sie nach Hause fahren") und er wiederholt es am Ende. "Die CDU", so der Stiftungssprecher, "ist damit weiter als die Stadt." Kus wirbt dafür, gemeinsam Konzepte für die Nutzung des Schlossparks zu entwickeln. Gastgeber Florian Dowe: "Es wundert mich, dass der Bürgermeister noch nicht den Kontakt gesucht hat."
Heinz-Dieter Held (SPD) plant eine ähnliche Diskussion in einer interfraktionellen Sitzung, verweist aber zunächst auf die kommende Ratssitzung am 18. Februar. Der Bürgermeister: "Dann wissen wir, was alle Fraktionen wollen."
Die Christdemokraten wollen Ibrahim Kus erst mal allein hören. Am Montagabend haben sie ihm auf den Zahn gefühlt, in verbindlichem Ton, aber hart in der Sache. Matthias Held geht als erster in die Offensive. Kus plane ein europäisches Zentrum des Jesidentums, müsse Löhne jetzt mit 20.000 Besuchern rechnen? Über das Gesicht von Kus huscht ein Lächeln: "20.000 Menschen", sagt er, "brächten sicher eine Menge Kaufkraft, das wäre doch ganz gut." Die Ulenburg sei als Schulungszentrum für Mitarbeiter und Führungspersonal gedacht. Bei vergleichbaren Konferenzen im Bielefelder Rathaus reisten bis zu 600 Jesiden aus aller Welt an.
CDU-Bürgermeisterkandidatin Ricarda Hoffmann will wissen, ob die Ulenburg nicht doch als Kirchenersatz gedacht sei. "Definitiv nicht", antwortet Kus. Die heiligen Stätten der Jesiden lägen in den kurdischen Gebieten des Nordirak.
Tim Ostermann möchte Details zum Kaufvertrag und Nebenabsprachen erfahren. Kus: "Der Vertrag ist rechtskräftig, wir haben den Kaufpreis aber noch nicht bezahlt. Es fehlen noch einige juristische Prozeduren." Die Jesiden hätten aber die Schlüssel der Burg, damit Architekten und Planer vorarbeiten können. Der Nutzungsantrag solle "in absehbarer Zeit" eingereicht werden.
Im Rittersaal soll den Denkmalbestimmungen entsprechend ein Fernsehstudio entstehen. "Wir werden keine Sendemasten aufbauen", sagt Kus. In der Ulenburg werde der kurdischsprachige Sender Çira TV einziehen.
Schriftliche Vereinbarungen über die öffentliche Nutzung des Parks gebe es nicht, sagte Kus. "Wir wünschen uns ein Konzept, um den Park öffentlich zugänglich zu halten." Dazu gehöre auch Veranstaltungen der Kirchengemeinden, betont Kus, die in der Vergangenheit den Park genutzt hätten: "Wir haben keine Berührungsängste."
Befürchtungen, dass durch Jesiden auch gewalttätige Auseinandersetzungen mit Islamisten nach Löhne kommen, äußerten Matthias Held und Tim Ostermann. Kus entgegnete: Diese Gefahr von Extremisten beträfe nicht nur Jesiden, sondern die ganze Gesellschaft. "Wir ziehen in die Ulenburg und haben nicht vor, eine Mauer um uns zu ziehen." Das Jesidentum lehne jede Form von Gewalt grundsätzlich ab.
"Wie weit geht der Glaube angesichts von Zwangsheiraten und Ehrenmorden?", fragte Christine Ostermann und mehrere Fraktionskollegen hakten nach. Kus entgegnete, zusammengefasst, dass nicht die Religion, sondern archaische Familienstrukturen dafür verantwortlich seien. "Mord ist Mord", sagte Kus. Die Gleichberechtigung von Mann und Frau sei Voraussetzung und Bildung der Schlüssel, das Jesi-dentum zu öffnen. Kus: "Ich sage nicht, wir hätten keinen Aufholbedarf."